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Archive für 15.5.2007
Marielle - Prolog (5)
15.5.2007 by Corinne Althaus.
Rédouan verfluchte sich selbst. Warum bloß hatte er sich von seinem Oheim Victor dazu überreden lassen, als Einziger der Familie an dessen Hochzeit mit Marielle von Rouen teilzunehmen? Damit hatte er gegen den erklärten Willen seines Vaters gehandelt. Seit vielen Jahren schon waren Michel und sein älterer Bruder Victor zerstritten. Den Grund für die Familienfehde hatte Michel seinem Sohn nie verraten. Wenn Rédouan jedoch einigen Andeutungen Glauben schenken durfte, dann lag die Ursache bei seiner Mutter. Denn auch Victor hatte die schöne Marianne seinerzeit begehrt.
Tränen der Reue strömten Rédouan aus den Augen. »Verzeih mir, Vater. Ich wollte doch bloß Frieden stiften.«
Die Versöhnung der feindlichen Brüder war Rédouans Ziel gewesen, als er der Einladung zur Hochzeit gefolgt war. Stattdessen hatte seine Abwesenheit ein Blutbad ermöglicht. Nicht einmal seine sanftmütige Mutter hatten die Angreifer verschont. Niemals mehr würde ihre Hand so wie früher zärtlich seine Wange streicheln. »Glaube an dich, mein Sohn, was immer auch geschieht.« Nie wieder würde er diese Worte aus ihrem Munde hören.
Rédouan war davon überzeugt, dass er die Katastrophe verhindert hätte, wenn er nur da geblieben wäre. Diese Schuld lastete schwer auf seinen Schultern. Eigenhändig grub er unter einer knorrigen alten Weide die Erde für die Gräber seiner Eltern aus. Unzählige Male hatten die beiden hier Seite an Seite gesessen. Zwei Liebende, die sich geschworen hatten, einander niemals zu verlassen. Auch der Tod würde sie nicht trennen. Am oberen Ende der kleinen Erdhügel errichtete Rédouan zwei Kreuze aus Holz, in die er die Initialen seiner Eltern einschnitzte. JvD und MvD.
Während Rédouan mit Inbrunst das Gebet für seine Eltern sprach, wuchs in ihm die Gewissheit, dass es für ihn nur eine Möglichkeit gab, seine Schuld zu sühnen. Er würde dazu beitragen, die Heiden aus dem Heiligen Land zu vertreiben.
Wie lange er am Grab verweilte, wusste er nicht. Ungezählte Stunden später stieg er endlich auf sein Pferd. In der nächsten Ortschaft hielt er an und berichtete den Bewohnern, was sich auf der Burg ereignet hatte. Man versprach ihm, sich um die übrigen Leichen zu kümmern. Auch sie hatten ein christliches Begräbnis verdient.
Er selbst gab seinem Pferd die Sporen. Victor von Doussy, sein Oheim und nunmehr sein einziger lebender Verwandter, ritt bereits Richtung Jerusalem. Ihm würde Rédouan sich anschließen. Und niemand würde mit größerer Todesverachtung im Zeichen des christlichen Kreuzes kämpfen als er.
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