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1. Kapitel (3)

»Aber sicher, mein Liebes, du möchtest mit mir über Marielle sprechen. Was gibt es denn?«, sagte er. Sie ließ sich kein zweites Mal bitten. 

»Marielle ist mittlerweile zwanzig Jahre alt.« »Ich weiß, meine Liebe.« 

»Es ist eine Schande, dass sie noch immer bei uns lebt. Sie gehört zu ihrem Ehemann.« Stephan begriff nicht, worauf sie hinaus wollte. 

»Ich bin ja ganz deiner Meinung, meine Liebe. Aber du weißt wie ich, dass wir von Victor von Doussy kein Lebenszeichen mehr erhalten haben, seitdem er sich dem großen Pilgerzug angeschlossen hat. Er wäre nicht der Erste, der sein Leben im Kampf gegen die Heiden verloren hätte.« »Oder aber er hat jedes Interesse an deiner Tochter verloren. Was mich nicht wundern würde, wenn ich ehrlich bin. Marielle war noch ein Kind bei der Hochzeit. Die Frauen im Orient dürften ihr in Vielem überlegen sein.« 

»Es war deine Idee, sie mit ihm zu verheiraten. Genauso gut könnte Victor Marielles Großvater sein, denn er ist älter als ich.« »Gib mir nicht die Schuld!«, wies sie ihn scharf zurecht. »Du bist derjenige, der von der Hochzeit deiner Tochter profitiert hat. Ohne die Eheschließung hätte er dich während seiner Abwesenheit niemals zum Verwalter seiner Ländereien bestimmt, was dir unleugbar zu neuem Reichtum und Ansehen verholfen hat.« 

Verführerisch wiegte sie sich in den Hüften, als sie auf ihn zukam. Sofort ging ein Leuchten über sein Gesicht. Er packte sie und zog sie mit den Hände näher zu sich heran, bis sich ihre Beckenknochen berührten. Sie stieß einen gurrenden Seufzer aus und legte ihm die Arme um den Hals. Spielerisch tanzten ihre Finger über seinen verspannten Nacken. Ghislaine war bester Dinge, denn die Unterhaltung verlief in ihrem Sinne. »Wir werden beim König die Auflösung der Ehe verlangen«, raunte sie ihrem Mann ins Ort. Erschrocken wich er einen Schritt zurück. »Du sprichst doch hoffentlich von Marielles Ehe?« 

»Aber selbstverständlich, was glaubst du denn?« Unter ihren langen dunklen Wimpern hervor schenkte sie ihm einen verführerischen Blick. »Was sollte ich denn ohne dich anfangen? Wir lieben uns doch.« »Ich liebe dich mehr als mein Leben.« 

»Ich weiß. Nur der Tod wird uns beide jemals trennen können.« Ihre Finger suchten die empfängliche Erhebung zwischen seinen Schenkeln. Ein kehliges Stöhnen war Stephans Antwort. »Lass uns den König bitten, Victor von Doussy für tot zu erklären, Liebster. Du hast es selbst gesagt. Niemand, den wir kennen, weiß, ob der Graf jemals heimkehren wird oder wo er sich derzeit aufhält. Es ist an der Zeit, für Klarheit zu sorgen.« 

»Vergiss nicht, dass Marielle als seine Witwe die rechtmäßige Erbin seiner Ländereien sein wird. Alle Einnahmen aus Victors Lehen werden ihr gehören. Ich werde nicht mehr profitieren können. Jedenfalls nicht mehr in dem Maße wie bisher.« Ghislaine seufzte nachsichtig, während ihre geschickten Finger ihm immer intensivere Schauer der Erregung über den Rücken trieben. 

»Ach Liebster, mir liegt nur daran, dass bei uns endlich Frieden einzieht.« Sekundenlang hielt sie in ihrem Fingerspiel inne. Enttäuscht stöhnte Stephan auf. »Ich habe mich nie bei dir über Marielle beschwert«, fuhr Ghislaine im doppelten Sinne fort. Stephan, der vor Wonne die Augen schloss, bemerkte ihren triumphierenden Blick nicht. »Marielle zeigt sich mir gegenüber häufig widerspenstig und ablehnend. Sie widersetzt sich meinen Anweisungen und schreckt auch nicht davor zurück, das Gesinde gegen mich zu beeinflussen. Dahinter steckt kein böser Wille. Wie jede normale Frau sehnt sie sich danach, endlich einem eigenen Haushalt vorzustehen. Wir dürfen sie unmöglich länger warten lassen.« 

Bei Stephan, dem das Wohl seiner Tochter, seines einzigen Kindes, sehr am Herzen lag, kehrte schlagartig Ernüchterung ein. Daran änderten auch die einfühlsamen Finger seiner Frau nichts. »Aber selbst wenn der König den Grafen für tot erklärt - Marielle kann ihren Besitz unmöglich alleine verwalten. Ihre Nachbarn werden eine allein stehende Frau nicht respektieren und Übergriffe auf ihr Land wagen. Am Ende wird sie froh sein müssen, wenn man ihr das Leben lässt. Du kennst diese Fälle.« 

Erschrocken riss Ghislaine die Augen auf. »Du hast Recht. Daran habe ich nicht gedacht.« Stephan achtete nicht auf sie. In Gedanken versunken durchquerte er den schmalen Raum bis zur Wand, kehrte um, schritt zur Tür und ging wieder zurück. Er ahnte nicht, dass sein Eheweib bei seinem Anblick heimlich lautlos in sich hineinlachte. 

Endlich kam er zu einem Entschluss. »Marielle braucht einen Beschützer. Einen Mann aus bestem Hause, der über die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt, die nötig sind, um ein Anwesen von solcher Größe zu beaufsichtigen.« »Du meinst, wir sollten für Marielle eine neue Ehe arrangieren?« 

Stephan zögerte kurz, dann erwiderte er ihren Blick fest. »Ich sehe keine andere Möglichkeit. Noch kann ich mich selbst um die Ländereien kümmern. Doch mit Sorge spüre ich meine Kräfte schwinden. Je eher wir einen guten Gemahl für Marielle finden, desto besser für uns alle.« Zärtlich strich ihm Ghislaine mit der Hand über die Wange. »Ich mag es nicht, wenn du so redest. Als wenn du morgen schon tot bist.« 

Absichtlich überhörte er ihre Bemerkung. Er wollte sie nicht in Sorge versetzen. »Gleich morgen schicke ich einen Boten zum König und trage ihm unsere Angelegenheit vor. Danach kümmern wir uns um einen geeigneten Heiratskandidaten für Marielle.« Ein trauriges kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Doch energisch rief er sich zur Ordnung. In Gedanken bereits beim Brief an den König, eilte Stephan aus dem Raum. Hinter ihm wandte sich Ghislaine ab, um ihren Lieblingsplatz am Fenster einzunehmen.  Der gute, alte Stephan. Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass sie längst einen geeigneten Heiratskandidaten für seine geliebte Marielle ausgewählt hatte? Einen Mann, auf den sie sich verlassen konnte und auf den sie genug Einfluss besaß, um mit seiner Hilfe bald zur mächtigsten Frau des Landes aufzusteigen. Niemand würde es wagen, sich ihnen in den Weg zu stellen – ihr und ihrem unehelichen Sohn Roger. 

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