Archive für 23.5.2007

1. Kapitel (5)

Alarmiert brachen seine Gedanken ab, als zu seiner Rechten im Unterholz deutlich hörbar ein Zweig knackte. Instinktiv nahm er die Zügel wieder fester in die Hand. Auch Fatana hielt die Ohren gespitzt. Folglich hatte er sich nicht getäuscht.
Gewarnt setzte Rédouan seinen Weg fort. War es doch ein Fehler gewesen, ohne Begleitung zur Burg des Grafen von Rouen zu reiten? Der Wein am Vorabend hatte ihn leichtsinnig gemacht. Anstatt sich von seiner Kohorte begleiten zu lassen, hatte er seinen Mannen erlaubt, sich für ein paar Stunden ohne ihn zu amüsieren. Wer wusste in diesen Tagen schon, wie lange ein Menschenleben noch dauerte? Sollten sie ihre freie Zeit nach Herzenslust genießen.
Rédouans Hand fuhr zum Schwert, als es links von ihm im Unterholz raschelte. Im nächsten Moment sprang ein Kaninchen aufgeregt über die Lichtung direkt auf ihn zu. Fatana wieherte warnend. Anderthalb Meter vor dem sicheren Zusammenprall schlug das kleinere Tier einen Haken und wechselte die Laufrichtung. Rédouan zog die Zügel an. Das Kaninchen war nicht ohne Grund so aufgeregt aus dem Unterholz gebrochen.
 
*
 
In ihrem Versteck beobachtete Marielle mit klopfendem Herzen den fremden Ritter. Ihre Gedanken überschlugen sich bei seinem Anblick. Ghislaines Ermahnungen kamen ihr wieder in den Sinn. Die Wälder rings um die Burg waren gefährlich. Wegelagerer trieben sich darin herum, die nur darauf aus waren, ehrbare Leute für ein paar Goldstücke zu ermorden. Im Stillen gab Marielle ihr sogar Recht. Trotzdem verzichtete sie nicht auf ihre heimlichen Fluchten, von denen nur Paulette wusste.
Das Leben auf der Burg trieb Marielle in seiner Eintönigkeit oft zur Verzweiflung. Tag ein, Tag aus derselbe Trott und dieselben bekannten Gesichter. Für eine junge Frau in ihrem Alter hielt das Burgleben kaum Anregung bereit. Ihre einzige Abwechslung stellten die unerwarteten Übernachtungsgäste dar, sofern sie am abendlichen Mahl teilnahmen und Marielle sie dadurch zu Gesicht bekam. Denn leider achtete Ghislaine von Rouen streng auf den guten Ruf ihrer verheirateten Stieftochter. Weder durfte sich Marielle ohne weibliche Begleitung mit einem anderen Mann als ihrem Vater oder einem der männlichen Bediensteten öffentlich zeigen. Noch war es ihr erlaubt, die Burg ohne Begleitung zu verlassen.
 
 

|