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1. Kapitel (6)

Dieser Eintrag stammt von Corinne Althaus Am 24.5.2007 @ 16:25 In 1. Kapitel | 5 Kommentare

Marielle unterdrückte mühsam einen Seufzer, als sie daran dachte. Wäre sie doch als Junge geboren worden. Jungen wurden schon als Zehnjährige fortgeschickt, um bei den Lehnherren ihrer Väter das Waffenhandwerk zu lernen. Mädchen hingegen waren darauf angewiesen, sich heimlich in die benachbarten Wälder zu schleichen, um wenigstens einen Hauch von Freiheit zu genießen.
Halbherzig schlug sie das christliche Kreuzzeichen vor der Brust. Ihre Gedanken waren gefährlich und führten zu nichts. Sie trugen ihr höchstens Ärger ein. Denn Ghislaine erwartete von ihr Sanftmut und Gehorsam, so wie es sich schickte für Frauen ihres Standes. Ghislaine hielt Marielle für undankbar, weil sie einen so angesehenen Mann wie Victor von Doussy als Ehemann nicht zu schätzen wusste. Wenn sie wüsste, dass Marielle nach wie vor jeden Abend für den Tod dieses Mannes betete – sie würde keine Sekunde zögern, ihre Stieftochter persönlich mit Prügel zu bestrafen.
Marielle wusste, dass sie in Gedanken gegen das heilige Sakrament der Ehe verstieß, weil sie ihren Ehemann ablehnte und hasste. Aber die Nacht, in der Victor von Doussy ihr bis zur Bewusstlosigkeit Gewalt angetan hatte, war unauslöschlich in ihr Herz gebrannt. Niemals würde sie ihm diese Freveltat verzeihen. Der Gedanke, dass er vielleicht noch lebte und eines Tages erneut auf seinem ehelichen Recht bestehen könnte, hielt sie in Angst und Schrecken.
Doch wohin sollte es führen, wenn sie sich immer wieder dieselben Fragen stellte? Victor von Doussy war weit weg und es war weitaus wichtiger, sich auf den fremden Ritter vor ihr zu konzentrieren als auf das, was eines fernen Tages vielleicht sein könnte.
Es herrschten unruhige, bedrohliche Zeiten. Seitdem Papst Urban II zur bewaffneten Pilgerfahrt und zum Kampf gegen die heidnischen Fürsten in Jerusalem aufgerufen hatte, lebte das Volk in Aufruhr. Fast aus jeder Familie fanden sich Menschen in Gruppen zusammen, um gemeinsam ins Heilige Land zu ziehen. Dieu le volt, Gott will es, ertönte es überall in den Straßen. Obwohl keine Kriegszeiten herrschten, streiften immer wieder Banden durchs Land, die raubten und mordeten. Wer dazu gehörte, behauptete frech, in heiliger Mission auf dem Weg nach Jerusalem unterwegs zu sein. Und häufig stimmte es auch. Die meisten Menschen, die dem Zug folgten, waren arm und hatten kaum das tägliche Brot zum Leben. Ungeniert bedienten sich daher viele bei denen, die daheim blieben. Gott will es!
Mit den Augen suchte Marielle bei dem Fremden nach dem typischen Kreuz aus rotem Stoff auf der Tunika, da fiel ihr der Stoffumhang aus herrlich zartem Material auf. Niemand, den sie kannte, trug ein solches Tuch. Und sie kannte auch niemanden, der etwas Vergleichbares herstellte. Der Reiter kam nicht aus der näheren Umgebung, ebenso wenig wie sein Pferd. Die Tiere, die im Stall Ihres Vaters standen, waren größer gewachsen und wiesen einen kräftigeren Körperbau auf.
Marielle erschrak. Instinktiv hielt sie den Atem an, als sich der Fremde nach vorne beugte und wachsam das dichte Buschwerk musterte. Für einen Moment ruhten seine Augen genau auf ihrem Versteck. Doch dann schweiften sie suchend weiter.
Er hat mich nicht bemerkt.
Erleichtert wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Kleides die Schweißperlen vom Gesicht. Sobald er weiterreiten würde, war sie außer Gefahr, aber als sie wieder aufblickte, spürte sie kaltes Metall an ihrem Hals. Eine Hand packte sie erbarmungslos am Kragen und zerrte sie hinter dem Gebüsch hervor.


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