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1. Kapitel (8)
Dieser Eintrag stammt von Corinne Althaus Am 28.5.2007 @ 10:26 In 1. Kapitel | 1 Kommentar
»Du brauchst keine Angst zu haben, Mädchen. Du wirst es überleben.« Die Stimme des Fremden klang heiser und unwillkürlich fragte sich Marielle, ob der Mann vielleicht krank war. Doch in der nächsten Sekunde ließ er ein Fragengewitter auf sie herabprasseln, das bei ihr jedes Mitleid für ihn im Keim erstickte.
»Wie heißt du und was machst du hier? Warum versteckst du dich? Wer schickt dich?« Dabei versetzte er ihr ungeduldig mit der Hand einen kräftigen Schubs gegen den Arm. Empört taumelte sie zurück.
»Wie ich heiße?«, stotterte sie. »Mein Name ist … Paulette.« Im Stillen bat sie die Freundin um Verzeihung, weil sie sich ihren Namen auslieh. Aber sie hielt es für ungefährlicher zu lügen als die Wahrheit zu sagen. Auf diese Weise riskierte sie wenigstens nicht, als Geisel gegen ihren Vater benutzt zu werden. Er galt allgemein als wohlhabend, was so manchen Strauchdieb in Versuchung führen könnte.
»Und wie heißt Ihr, Herr?«, gab sie störrisch zurück.
Täuschte sie sich oder blitzte es für einen Moment in seinen Augen belustigt auf?
»Ich stelle hier die Fragen.« Nach wie vor ruhte seine Hand auf dem Griff seines Schwertes, was Marielle nicht entging. Sie sah ein, dass sie ohne einen geschulten Kämpfer an ihrer Seite gegen ihn nichts erreichen konnte. Und wieder einmal ärgerte sie sich darüber, dass sie nicht als Junge zur Welt gekommen war.
»Wenn Ihr denkt, ich habe euch aufgelauert, dann liegt Ihr falsch«, murrte sie. »Ich bin lediglich zum Lesen in den Wald gekommen, nichts weiter.«
»Soso.« Rédouan betrachtete das Mädchen, das er zunächst für eine einfache Magd gehalten hatte, mit neugierigem Interesse vom Kopf bis zu den Füßen. Der grobe Leinenstoff ihres hellblauen Kleides fiel locker an ihrem Körper herab und verbarg ihn vor seinen abschätzenden Blicken. Eher zufällig blieb er bei ihr in Brusthöhe hängen. Ob ihre Brüste tatsächlich so üppig waren, wie sie sich unter dem Gewand abzeichneten? Große Brüste entsprachen zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal. Dennoch übten sie einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus.
Zutiefst beunruhigt verschränkte Marielle die Arme vor dem Oberkörper. Der Fremde jagte ihr Angst ein. Sie besaß zu wenig Erfahrung im Umgang mit Männern, um seine Absichten richtig einschätzen zu können.
»Bitte nicht«, flehte sie, als sich ihre Blicke begegneten. Angstvoll blickte sie ihn an.
»Mein Gott, du zitterst ja am ganzen Leib.
Was ist denn los?« Er legte seine Hand unter ihr Kinn und hob es leicht an. »Du kommst mir bekannt vor«, überlegte er laut und wunderte sich, dass ihm dies erst jetzt auffiel. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«
Eine Welle der Panik schlug über Marielle zusammen. Obwohl sie sich bemühte, dagegen anzukämpfen, konnte sie nichts ausrichten. Die Umgebung wich vor ihr zurück und schien in einem dichten Nebelfeld zu verschwinden. Die Furcht lähmte ihre Zunge. Sie war unfähig, einen Ton, geschweige denn ein Wort oder einen ganzen Satz über die Lippen zu bringen. Grenzenlose Angst ergriff von ihr Besitz.
Überrascht bemerkte Rédouan ihren kläglichen Zustand. »Du glaubst, ich will dir Gewalt antun«, stellte er nüchtern fest. Sofort ging er auf Abstand zu ihr, damit sie sich beruhigen konnte. Die junge Frau dankte ihm, indem sie einen tiefen Seufzer ausstieß.
»Und du willst ernsthaft behaupten, dass du lesen kannst?«, versuchte Rédouan sie auf andere Gedanken zu bringen. »Nicht einmal ich bringe es fertig, mehr als drei Sätze hintereinander zu buchstabieren«, log er. »Zeig mir das Blatt Papier, für das du dir erst ein Versteck suchen musst, um es zu lesen.«
Es kostete Marielle eine fast übermächtige Anstrengung, die Furcht abzuschütteln. Seit ihrer Hochzeitsnacht war etwas in ihr zerbrochen. Obwohl seitdem viel Zeit vergangen war, hatte sie die Demütigung immer noch nicht überwunden. Jedes Mal, wenn ihr ein Mann näher als auf Armeslänge kam, brach ihr der Schweiß aus, während sie gleichzeitig vor innerer Kälte zu frieren begann. Sie wusste selbst, dass ihre Reaktion auf Männer nicht normal war, konnte aber auch nichts daran ändern.
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