1. Kapitel (9)

»Du hast mich doch verstanden?« Eindringlich sah der Ritter sie an. Marielle zwang sich dazu, mit dem Kopf zu nicken. »Ja, ich habe Euch verstanden.« Sie wandte sich zurück zu ihrem Versteck, um das Buch, in dem sie gelesen hatte, zu holen. Sorgfältig vermied sie dabei jede hastige Bewegung. Auf keinen Fall wollte sie den Ritter misstrauisch stimmen. Sie fand das Buch und hob es auf. 

»Hier ist es.« Überrascht betrachtete Rédouan das zerfledderte Exemplar der Heiligen Schrift, das sie ihm in die offenen Hände legte. »Du liest die Vulgata?« Ein seltsamer Unterton schlich sich in seine Stimme. Als sie ihn anblickte, hatte sich seine Miene verfinstert und ein bitterer Zug lag um seine Lippen. 

»Wenn du wüsstest, wie viel Unheil dieses Buches schon angerichtet hat«, sagte er. »Ich war dabei, als im Namen des Kreuzes unschuldige Kinder und Frauen auf bestialische Weise ermordet wurden. Wenn du schon unbedingt deine Zeit mit Lesen vergeuden musst, dann solltest du deine Lektüre sorgfältiger auswählen.« Starr vor Erstaunen blieb ihr der Mund offen stehen. 

»Ihr redet wie ein Ketzer!«, brach es aus ihr heraus. 

Er machte sich nicht die Mühe ihr zu widersprechen. Offenbar war er der Meinung, ihr genug Zeit geopfert zu haben.

»Es ist für ein junges Mädchen gefährlich, sich allein im Wald herumzutreiben. Sieh zu, dass du nach Hause kommst, bevor dich eine Räuberbande aufgreift. Nicht jeder nimmt so viel Rücksicht wie ich.« In der nächsten Sekunde drückte er seinem Pferd die Fersen in die Flanken. Sofort setzte sich das brave Tier in Bewegung. Ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen, ritt der Fremde davon. Das ist gerade noch einmal gut gegangen. 

Im nahen Dorf läuteten die Kirchturmglocken. Marielle zählte die Schläge mit und kam auf fünf. Nicht mehr lange, und man würde sie auf der Burg vermissen. Mit beiden Händen raffte sie ihre Röcke. Eilig machte sie sich auf den Heimweg. 

 

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