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Frankreich, 1096

Dieser Eintrag stammt von Corinne Althaus Am 12.9.2008 @ 19:32 In Prolog | 1 Kommentar

Marielles Lachen perlte durch den frühen Morgen. Warnend legte ihr Paulette, die Freundin, den Finger auf den Mund.
»Nicht. Willst du, dass Sie uns hört?«

Marielles Augen verdunkelten sich. Sie überlegte. »Und wenn schon!«, stieß sie dann hervor und sofort hellte
sich ihre Miene wieder auf. »Was macht es noch aus?«
  Verschmitzt grinste sie Paulette von der Seite her an, bevor sie sich wegdrehte und leichtfüßig über das gemächlich dahin fließende Bächlein sprang. Ermunternd streckte sie Paulette die Hand hin, doch ihre Freundin zog es vor, allein über den schmalen Holzstieg zu balancieren, der hinüber führte.


Zappelig vor Aufregung schaffte Marielle es nicht, still zu stehen. Ausgelassen hüpfte sie von einem Fuß auf den anderen.
»In ein paar Stunden heirate ich Henri von Doussy. Er ist noch reicher und mächtiger als mein Vater. Und weißt du, was das bedeutet?«


Paulette warf einen nervösen Blick hinüber zu den grasenden Pferden. »Nicht so laut, Marielle, wenn du die Tiere aufschreckst, gibt es Ärger.«

»Aber verstehst du denn nicht? Wenn ich erst einmal verheiratet bin, dann gibt es nie wieder Ärger. Dann hat Sie mir nichts mehr zu sagen. Dann kann sie vor mir stehen und reden, bis ihr der Mund fusselig wird. Ich aber werde nur mein hochmütigstes Gesicht aufsetzen und sagen: Entfernt Euch aus meiner Nähe, ich kann Euren Anblick nicht länger ertragen, Frau Stiefmutter!«
Ein entzücktes Lachen platzte aus Marielle heraus. Sie konnte es bildhaft vor sich sehen, wie die stolze Ghislaine vor ihr, der kleinen Marielle, zurückweichen würde, bleich und gedemütigt. Nie wieder grundlose Strafpredigten, nie wieder herrische Anweisungen, denen Marielle Folge leisten musste. Ein unerwartet heftiges Gefühl drohte dem Mädchen das Herz zu zersprengen. Fühlte sich so die Freiheit an? Beängstigend und beglückend zugleich? Tief sog Marielle die frische Morgenluft in ihre Lungen hinein, um sich zu beruhigen. Sie stutzte, als sie die unglückliche Miene ihrer Freundin bemerkte.


»Ach komm doch, Paulette, lächle! Freust du dich denn gar nicht mit mir?


»Doch… schon… « Paulettes Unterlippe zitterte verräterisch.


Für einen Moment wusste Marielle nicht, wie sie reagieren sollte. An diesem verheißungsvollen Morgen verspürte sie nicht die geringste Lust, sich ihre gute Stimmung nehmen zu lassen - auch nicht von ihrer besten und einzigen Freundin. Gleich darauf schämte sie sich für ihr Zögern, denn sie ahnte, was die Gleichaltrige bedrückte.


Beruhigend griff sie nach Paulettes Hand. Wie immer fühlte sich diese rau und schwielig an, was den Unterschied, der zwischen ihnen bestand, auf grobe Weise spürbar machte. Marielle war das einzige Kind des Grafen von Rouen und Paulette war Marielles Magd. Nichts hatten die Mädchen gemeinsam und doch teilten sie beinahe schon ihr ganzes bisheriges Leben miteinander.


»Ach, Paulette, glaubst du denn wirklich, ich gehe ohne dich von hier fort? Du kommst natürlich mit mir, egal wohin.«


»Sie wird es nicht erlauben.«


»Mein Vater hat es mir versprochen. Sie wird es nicht wagen, ihn gegen sich aufzubringen.«


Die Skepsis stand Paulette im Gesicht geschrieben. »Offen vielleicht nicht. Aber sie findet immer Mittel und Wege, um ihren Willen durchzusetzen.«


»Alte Unke!« Verärgert stampfte Marielle mit dem Fuß auf. »Du schaffst es noch, mir die gute Laune zu verderben.« Blitzschnell versetzte sie der Freundin einen Stups gegen die Schulter. »Komm und fang mich«, rief sie und raffte ihren langen Rock mit den Händen hoch. »Eins, zwei, drei, ich fliege.«


»Komm zurück, Marielle, es ist spät. Sie wird toben, wenn du nicht rechtzeitig umgezogen bist.«


»Angsthase!«

In der Tat sah Paulette furchtsam zurück zum Wohnhaus, hinauf zu der schmalen Fensteröffnung, hinter der sie Ghislaine vermutete. Noch waren die Samtvorhänge zugezogen und hingen schwer nach unten, aber im Grunde besagte dies gar nichts. Der böse Blick von Marielles Stiefmutter Ghislaine durchdrang jedes Hindernis wie Butter, davon war Paulette fest überzeugt.

Ein erstickter Schrei.


Erschrocken blickte Paulette in die Richtung, in die Marielle gelaufen war. Von der Freundin war nichts zu sehen. Stattdessen stand dort ein junger Mann, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt.



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