Marielle - der Prolog

PROLOG

 

Frankenland, 1096

 
Kaum standen sie sich im Schlafgemach gegenüber, fiel Graf Victor von Doussy über seine verängstigte junge Braut her. Seine Hände griffen nach ihren Brüsten unter dem Brautkleid, doch gleich ließ er wieder von ihnen ab. Der kindliche Körper bot kaum verlockende Rundungen. Fast wäre sein Verlangen erloschen, doch zum Glück stachelten ihr Flehen und ihre Schmerzensschreie seine Erregung aufs Neue an.
Victor von Doussy wurde nicht von Gewissenbissen geplagt. Denn er war der rechtmäßig angetraute Ehemann. Niemand würde ihn daran hindern sich zu nehmen, was ihm gehörte. Wen interessierte noch, was er ihrem Vater, dem gutgläubigen Stephan von Rouen vor der Hochzeit versprochen hatte? Er jedenfalls scherte sich einen Dreck darum.
Ohne sich die Mühe zu machen, das Mädchen zu entkleiden, zwängte er ihr das Knie zwischen die Oberschenkel und drückte sie auseinander. Zu seiner Freude begann sich die Kleine zu wehren. Sie wand sich unter seinem Körper und hämmerte wild mit den Fäusten gegen seine Brust. Er lachte laut und dröhnend, denn sie ahnte nicht, dass sie damit seine Gier nur weiter anheizte. Mit seinem ganzen Gewicht presste er sie tiefer in die Laken hinein. Es dauerte eine Weile, bis er die Veränderung bemerkte. Schlaff und teilnahmslos lag ihr Körper unter ihm. Ein Blick in ihr bleiches Gesicht genügte, um zu erkennen, dass sie in eine tiefe Ohnmacht gefallen war. Sofort verlor er das Interesse an ihr. Doch aus dem inneren Zwang heraus zu vollenden, was er begonnen hatte, brachte er den Beischlaf missmutig zu Ende.
Minuten später stand er bereits wieder unten in der Halle zwischen seinen Mannen, die vollzählig versammelt waren und auf ihn warteten. »Dieu le volt!«, rief er ihnen zu. Dabei schwenkte er sein blutbeflecktes Stofftuch als Beweis für seine Manneskraft durch die Luft. Rohes Gelächter antwortete ihm. »Dieu le volt«, schallte es vielstimmig zurück. »Gott will es!«
Auf Victors Zeichen hin begaben sich alle zu ihren Pferden und schwangen sich in die Sättel. Von dieser Minute an kannten sie nur noch ein gemeinsames Ziel. Sie ritten nach Osten, um die heilige Stadt Jerusalem von den barbarischen Heiden zu befreien. »Dieu le volt. Gott will es.«
 
*
 
Als Marielle erwachte, dröhnte der Herzschlag in ihren Ohren und ihr Atem ging stoßweise. Sofort fühlte sich sich von einer grauenvollen Angst gepackt. In wachsender Panik schlug sie die Augen auf. Ihr Blick flog bis in die hintersten Winkel des kleinen Raumes.
Victor von Doussy, lauerte er noch in ihrer Nähe? Wartete er darauf, dass sie erwachte, damit er ihr erneut Gewalt antun konnte?
Die schweren Samtvorhänge vor den Fensteröffnungen dämpften das Licht der Morgendämmerung, die hereindrang. Es genügte um zu erkennen, dass sich niemand außer ihr im Zimmer befand. Erleichtert seufzte sie auf. Erst jetzt spürte sie, dass sie fror. Alles tat ihr weh. Der Kopf, die Glieder, die Stelle zwischen ihren Beinen. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Sie spürte einen schalen Geschmack auf der Zunge. Übelkeit stieg in ihr hoch und sie presste sich die Hand vor den Mund, für den Fall, dass sie sich übergeben musste. Mühsam beherrscht zwang sie sich dazu, ruhig und langsam zu atmen. Dennoch vergingen ein paar Minuten, bis sie sich beruhigt hatte und sich aufsetzen konnte. Dabei nahm sie den fremden Geruch wahr, der in der Luft hin. Neue Kälteschauer schüttelten sie. Obwohl sie sich dagegen wehrte, setzte ganz allmählich die Erinnerung ein. Gestern war der Tag ihrer Vermählung mit Graf Victor von Doussy gewesen, mit einem Greis, der mehr als dreißig Jahre älter und mindestens doppelt so schwer war wie sie. Niemals hätte sie ihn geheiratet, wenn sie von ihrem Vater und Ghislaine, seinem Weib, nicht dazu gezwungen worden wäre.
 
Marielle erhob sich schwankend. Die Zähne schlugen ihr vor Kälte aufeinander. Im Widerspruch dazu glühte ihr Gesicht vor Hitze. Marielle sehnte sich nach Linderung und schlug den Weg zum Fenster ein. Sie ging nicht. Sie schlich. Vorsichtig setzte sie einen Fuß nach dem anderen, denn zwischen ihren Beinen schien eine klaffende Wunde zu brennen. Marielle fühlte sich krank und elend und als sie das Fenster endlich erreicht hatte, lief ihr der Schweiß in einem Rinnsal zwischen den Brüsten den Körper hinab. Aufschluchzend streckte sie ihr Gesicht dem Wind entgegen, der eisig ins Zimmer herein blies. Lange harrte sie in dieser Haltung aus. Erst als draußen die Wachen vor dem Burgtor abgelöst wurden und die ersten Knechte und Mägde im Hof erschienen, um mit ihrem Tagewerk zu beginnen, zog sie sich ins Innere zurück. Niemand durfte ihr ansehen, wie elend und gedemütigt sie sich fühlte.
Zögernd wandte sich Marielle wieder ihrem Bett zu, wo sich dunkle Flecken auf dem Laken abzeichneten. Blut. Sekundenlang starrte sie darauf. Als der Vorhang, der die kleine Kammer neben Marielles Raum abtrennte, beiseite geschoben wurde, fuhr sie mit einem erstickten Schrei erschrocken zurück.
 
*
 
Paulette war nicht nur Marielles Magd, sondern auch ihre beste Freundin seit Kindheitstagen. Nachts schlief sie in der Nische, die direkt an Marielles Kammer grenzte. Doch letzte Nacht hatte sie sich erst vergewissert, dass Victor von Doussy fort war, bevor sie sich selbst hinlegte. Entsprechend übermüdet fühlte sie sich nun. Aber was bedeutete ihre Müdigkeit im Vergleich zu dem Leid, das Marielle ertragen hatte?
Bekümmert musterte Paulette das leichenblasse Gesicht der Freundin. Die sonst sorgfältig geflochtenen lockigen Haare umrahmten wirr das schmale Gesicht. Die blauen Augen blickten stumpf und glanzlos.
»Er hat meinem Vater versprochen, mich nicht anzurühren. Nicht bevor ich achtzehn bin und er aus Jerusalem zurückgekehrt ist.« Verzweifelt schlug Marielle die Hände vor das Gesicht. Glasklar sah sie wieder alles vor sich. Wie ein wildes Tier war Victor von Doussy über sie hergefallen. Sein verschlagener Blick hatte sich für immer unauslöschlich in ihr Herz gebrannt.
Unsicher, weil sie nicht wusste, wie sie der Freundin helfen konnte, begann Paulette, die Kissen aufzuschlagen. Dabei entdeckte sie die Blutspuren auf dem weißen Leinentuch. Mit einem kräftigen Ruck zog sie es ab. »Ich werde gleich ein neues auflegen«, sagte sie.
»Ich hasse den Grafen«, stieß Marielle heftig hervor.
»Er ist dein Gemahl, Marielle.«
Mit einer heftigen Handbewegung wischte Marielle den Einwand beiseite. »Und gibt ihm die Hochzeit das Recht, mich wie Dreck zu behandeln? Victor von Doussy ist kein Ehrenmann. Ich werde ihn niemals als Mann an meiner Seite akzeptieren.«
Hastig schlug Paulette das Kreuzzeichen vor der Brust. »Du versündigst dich, Marielle. Du hast vor Gott versprochen, deinen Mann zu ehren und ihm zu gehorchen bis an sein Lebensende.«
Trotzig verschränkte Marielle die Arme vor der Brust. »Glaubst du, ich weiß das nicht? Aber ich habe ihn nur meinem Vater zuliebe geheiratet. Wenn ich geahnt hätte…« Ihre Unterlippe zitterte verräterisch. Im nächsten Moment brach sie in heftiges Schluchzen aus. Paulette ließ das Laken, das sie noch immer in den Händen hielt, achtlos zu Boden fallen. Tröstend zog sie ihre Freundin in die Arme. Eng umschlungen bot sie Marielle Halt, bis diese sich halbwegs beruhigt hatte und auf Abstand zu ihr ging.
»Ich stürze mich ins Wasser, wenn daraus…« Marielle biss sich heftig auf die Lippen. Sie schämte sich für die Worte, die ihr auf den Lippen lagen.
»…wenn du ein Kind von ihm erwartest?« Wie fast immer verstand Paulette die Freundin auch ohne Worte. »Soweit wird es nicht kommen.«
»Was meinst du?«
»Meine Mutter hat mir das Geheimnis eines Kräutertrunkes verraten. Zum Schutz vor den hochherrschaftlichen Herren, die es lieben, uns Mägden heimlich aufzulauern.«
»Oh!« Marielle sah Paulette plötzlich mit neuen Augen an. Die Mädchen waren sich vertraut wie Schwestern, aber noch nie hatte ihr Paulette erzählt, dass sie keine Jungfrau mehr war.
»Nun guck nicht so überrascht«, sagte Paulette mit schiefem Lächeln. »Bei Mädchen meines Standes ist dies nichts Ungewöhnliches. Weißt du nicht, dass wir von den Herren als Freiwild angesehen werden?«
»Du hast nie etwas erzählt« Ein deutlicher Vorwurf schwang in Marielles Stimme mit, dem Paulette nur mit einem Schulterzucken begegnete.
»Ich helfe dir. Du brauchst es nur zu sagen«, drängte sie.
Unschlüssig rang Marielle die Hände. Von klein auf war ihr eingeschärft worden, dass es für Frauen nur eine Bestimmung im Leben gab: die der Ehefrau und Mutter. Die Lehren der Kirche lasteten in diesem Augenblick schwer auf ihrem Gewissen. Niemand hatte ihr verraten, dass die Erfüllung ihrer angeblichen Bestimmung mit Schmerzen und Demütigung einhergehen würde. Niemals würde sie ein Kind, das unter solchen Umständen gezeugt worden war, lieben können. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurden ihre Gedanken.
»Wenn das Schicksal ein Einsehen hat, lässt es deinen Mann auf dem Schlachtfeld  sterben«, drang Paulettes Stimme zu ihr durch.
Schweigend blickten sie einander an. Dann sagte Marielle: »Ich wünsche Victor von Doussy von ganzem Herzen den Tod. Möge sein Leib auf den Schlachtfeldern vor Jerusalem in Fetzen zerrissen werden und seine Seele im ewigen Fegefeuer schmoren. So wahr mir Gott helfe.« Noch nie zuvor hatte Marielle einen Menschen verflucht. Umgehend verspürte sie Erleichterung. Zu allem entschlossen hob sie den Kopf und schob das Kinn vor. Ihre Finger waren eiskalt, als sie die Hände der Freundin in die ihren nahm.
»Bitte brau mir diesen Trunk, Paulette«, bat sie flehentlich. »Hilf mir.«
 
*
 
Nur zwei Reitstunden entfernt kroch das Morgenlicht in die Burg des Grafen Jean von Doussy. Männer und Frauen verließen ihre Schlafstatt, um mit dem Tagewerk zu beginnen. Im Freien empfing sie beißender Wind und sie mussten die Augen zusammenkneifen, um sich gegen ihn zu schützen.
Der Angriff traf sie unvorbereitet. Seit Jahren lebte man hier in Frieden. Pfeilspitzen durchbohrten die Herzen der beiden Männer, die auf dem Holzturm Wache hielten, noch ehe sie Alarm schlagen konnten.
Der Priester, der gerade mit dem Gebet beginnen wollte, bemerkte als Erster das nahende Unheil.
»Wir werden angegriffen«, rief er mit zitternder Stimme. Jetzt wurden auch die anderen aufmerksam. Schreiend versuchten sie sich vor den Pfeilen, die über die schützenden Mauern regneten, in Sicherheit zu bringen.
Auf dem Gesicht des Burgherrn spiegelte sich Furcht. Sofort befahl er seinen Kommandanten herbei. »Jeder Mann soll sein Schwert ergreifen. Die Frauen kümmern sich um die Kinder. Gnade uns Gott!«
Aber Gott zeigte an diesem Morgen keine Gnade mit den Bewohnern der Burg. Fast alle wurden in einem Rausch von Blut und Grausamkeit dahingemetzelt. Wem die Flucht gelang, der versteckte sich in den angrenzenden Wäldern.
 
Als nur wenige Stunden nach dem Angriff Rédouan von Doussy, der Sohn des Burgherrn, nach Hause zurückkehrte, schreckte er entsetzt zurück. Die Angreifer hatten die Köpfe seiner Eltern rechts und links vom Burgtor auf Pfeilern aufgespießt. Ihre blutüberströmten Körper lagen achtlos zwischen den anderen leblosen Leibern. Der Anblick brachte Rédouan beinahe um den Verstand. Zudem stank es widerwärtig nach Blut und anderen menschlichen Ausscheidungen. Erst nachdem Rédouan seinen gesamten Mageninhalt in den Staub entleert hatte, war er in der Lage, wieder einigermaßen klar zu denken.
Rédouan verfluchte sich selbst. Warum bloß hatte er sich von seinem Oheim Victor dazu überreden lassen, als Einziger der Familie an dessen Hochzeit mit Marielle von Rouen teilzunehmen? Damit hatte er gegen den erklärten Willen seines Vaters gehandelt. Seit vielen Jahren schon waren Jean und sein älterer Bruder Victor zerstritten. Den Grund für die Familienfehde hatte Jean seinem Sohn nie verraten. Wenn Rédouan jedoch einigen Andeutungen Glauben schenken durfte, dann lag die Ursache bei seiner Mutter. Denn auch Victor hatte die schöne Marianne seinerzeit begehrt.
Tränen der Reue strömten Rédouan aus den Augen. »Verzeih mir, Vater. Ich wollte doch bloß Frieden stiften.«
Die Versöhnung der feindlichen Brüder war Rédouans Ziel gewesen, als er der Einladung zur Hochzeit gefolgt war. Stattdessen hatte seine Abwesenheit ein Blutbad ermöglicht. Nicht einmal seine sanftmütige Mutter hatten die Angreifer verschont. Niemals mehr würde ihre Hand so wie früher zärtlich seine Wange streicheln. »Glaube an dich, mein Sohn, was immer auch geschieht.« Nie wieder würde er diese Worte aus ihrem Munde hören.
Rédouan war davon überzeugt, dass er die Katastrophe verhindert hätte, wenn er nur da geblieben wäre. Diese Schuld lastete schwer auf seinen Schultern. Eigenhändig grub er unter einer knorrigen alten Weide die Erde für die Gräber seiner Eltern aus. Unzählige Male hatten die beiden hier Seite an Seite gesessen. Zwei Liebende, die sich geschworen hatten, einander niemals zu verlassen. Auch der Tod würde sie nicht trennen. Am oberen Ende der kleinen Erdhügel errichtete Rédouan zwei Kreuze aus Holz, in die er die Initialen seiner Eltern einschnitzte. MvD und MvD.
Während Rédouan mit Inbrunst das Gebet für seine Eltern sprach, wuchs in ihm die Gewissheit, dass es für ihn nur eine Möglichkeit gab, seine Schuld zu sühnen. Er würde dazu beitragen, die Heiden aus dem Heiligen Land zu vertreiben.
Wie lange er am Grab verweilte, wusste er nicht. Ungezählte Stunden später stieg er endlich auf sein Pferd. In der nächsten Ortschaft hielt er an und berichtete den Bewohnern, was sich auf der Burg ereignet hatte. Man versprach ihm, sich um die übrigen Leichen zu kümmern. Auch sie hatten ein christliches Begräbnis verdient.
Er selbst gab seinem Pferd die Sporen. Victor von Doussy, sein Oheim und nunmehr sein einziger lebender Verwandter, ritt bereits Richtung Jerusalem. Ihm würde Rédouan sich anschließen. Und niemand würde mit größerer Todesverachtung im Zeichen des christlichen Kreuzes kämpfen als er.